Geologie · Der wilde Verdon

Die Geologie der Gorges du Verdon

Der Verdon, oft als der europäische Grand Canyon bezeichnet, ist vor allem eine Lektion in Geologie unter freiem Himmel: In rund 250 Millionen Jahren haben ein tropisches Meer, die Auffaltung der Alpen und die Geduld eines Flusses bis zu 700 Meter hohe Felswände aus dem Kalkstein geschnitten. Hier ist diese Geschichte, einfach erklärt — das Gestein, das Wasser, der Karst und die Fossilien.

Der Canyon in Zahlen

25 km Länge des Grand Canyon
bis zu 700 m Tiefe (Höhe der Felswände)
6 bis 100 m Breite auf Flusshöhe
200 bis 1.500 m Breite von einem Ufer zum anderen
~150 Mio. Jahre Alter des Kalksteins (Oberjura)
166,5 km Länge des Flusses Verdon

Höhenlage der Flusssohle: etwa 630 m stromaufwärts, 510 m stromabwärts. Je nach zugrunde gelegtem Verlauf messen manche Quellen den Grand Canyon mit ~21 km; als Referenzwert gilt weiterhin 25 km.

Wie der Canyon entstanden ist

Hier ist nichts dem Zufall überlassen: Jede Felswand erzählt eine Etappe. Hier sind die großen Daten, vom warmen Jurameer bis zum heutigen Canyon.

  1. ~250 Mio. Jahre · Trias

    Ein warmes Meer bedeckt die Provence. Am Grund lagern sich Tone und Gips ab: Dieser weiche Untergrund dient später als „Schmiermittel“, auf dem die Schichten während der Auffaltung der Alpen abgleiten.

  2. ~160 bis 135 Mio. Jahre · Oberjura

    Unter einem flachen, tropischen Meer errichten Korallen Riffe. Sie bilden einen mächtigen Kalkstein — genau das Gestein der künftigen Felswände des Canyons.

  3. ~120 Mio. Jahre · Kreide

    Das Meer wird tiefer; es lagern sich weichere, fossilreiche Mergel ab — Seeigel, Ammoniten, Meeresreptilien. Sie sind heute nur noch in den Faltenmulden erhalten.

  4. Tertiär · ~65 bis 2,5 Mio. Jahre

    Die Kollision der afrikanischen und der europäischen Platte hebt die Alpen empor. Die Provence faltet und zerbricht sich; der Verdon beginnt, seinen Lauf durch den Kalkstein zu ziehen.

  5. Quartär · ab 2,5 Mio. Jahren

    Angeschwollen durch die Gletscherschmelzen, gräbt sich der Fluss tief in den Fels: Der Grand Canyon nimmt seine Form an. (Eine verbreitete Hypothese fügt hinzu, dass die Austrocknung des Mittelmeers vor rund 6 bis 5 Millionen Jahren diese Eintiefung beschleunigt haben könnte.)

  6. Heute

    Das Wasser setzt seine unsichtbare Arbeit fort: Es löst den Kalkstein auf, öffnet Grotten, tritt in Quellen wieder zutage und lagert den Stein als Travertin erneut ab. Der Canyon ist eine Baustelle, die nie ganz fertig wird.

Das Gestein: ein unter den Tropen entstandener Kalkstein

Die großen Felswände des Verdon sind aus einem Kalkstein des Oberjura geschnitten, der vor etwa 150 bis 135 Millionen Jahren entstand. Damals war die Region von einem warmen, flachen Meer bedeckt, in dem Korallen gediehen: Der Kalkstein der Schluchten ist ein Riffkalkstein, ein ehemaliges tropisches Riff. Ein weitläufiges Lagunengebiet erstreckte sich damals dort, wo heute das Plateau de Canjuers liegt.

Im Gebiet der Plans du Verdon erreicht diese Kalksteinplatte fast 1.000 Meter Mächtigkeit; sie wird nach Norden hin, um Castellane, dünner. Darüber hat sich eine mergeligere — weichere — Kreide nur in den Faltenmulden (den Synklinalen) erhalten. Darunter, an der Basis, diente ein aus Tonen und Gips bestehender Trias während der alpinen Auffaltung als Gleithorizont. Genau diese Schichtung — weicher Trias, mächtiger Jurakalk, mergelige Kreide — erklärt die Silhouette des Canyons: hohe, senkrechte Mauern im harten Kalkstein, sanftere Hänge dort, wo der Rest zutage tritt.

Der Karst: wenn Wasser den Stein auflöst

Der Kalkstein hat eine Schwäche: Das leicht saure Regenwasser löst ihn auf. Das ist die Karsterosion — jene, die geduldig den Canyon geöffnet hat und ihn weiter formt. Sie prägt überall die Landschaft: Lapiaz (gerillte Felsplatten), Dolinen, Grotten wie die Baume Bonne (in den jurassischen Kalkstein oberhalb des Verdon gegraben), Karstschlote (Avens) und Clues — jene engen Querschluchten, wie die Clue de Taulanne oder die Clue de Chasteuil bei Castellane.

Das versickernde Wasser tritt weiter unten in Quellen wieder zutage; dort, wo es den gelösten Kalkstein erneut ablagert, baut es Travertine auf — das sind die Tufsteinquellen von Saint-Maurin, am Nordwesteingang der Schluchten, wo sich der Stein direkt vor den Augen wieder aufbaut. Der Fluss selbst verhält sich teilweise wie ein Karstgewässer, mit Schwinden und Quellaustritten. Genau um dieses Wasserregime zu verstehen, führte Édouard-Alfred Martel im Jahr 1905 die erste wissenschaftliche Erkundung des Canyons durch.

Ein Fossilienbuch unter freiem Himmel

Der Verdon gehört zum größten Freiluftmuseum für Geologie Europas. Die 1984 per Dekret gegründete Réserve naturelle géologique de Haute-Provence ist das größte geologische Schutzgebiet Europas: achtzehn eingetragene Stätten (269 Hektar streng geschützt) innerhalb eines weiträumigen Schutzperimeters von rund 2.300 km², der 59 Gemeinden umfasst. Dieses Gebiet ist zudem die Wiege der Geoparks: Der Géoparc de Haute-Provence war der erste weltweit (im Jahr 2000) und trägt seit 2015 das Label UNESCO Global Geopark; er erstreckt sich über 67 Gemeinden, darunter Moustiers-Sainte-Marie, an den Toren der Schluchten.

Zu seinen Schätzen zählen: der Mur des Siréniens am Col des Lèques bei Castellane, wo das Gestein Knochen von Seekühen bewahrt — jenen Meeressäugetieren, den Vorfahren der Manatis —, die 35 bis 40 Millionen Jahre alt sind; die berühmte Ammonitenplatte von Digne; sowie mehrere Ichthyosaurier, im Kalkstein fossilisierte Meeresreptilien.

Die Fossilien sind geschützt

Auf den eingetragenen Stätten und im Schutzperimeter der Réserve géologique, ebenso wie im Parc naturel régional du Verdon, ist das Sammeln oder Entnehmen von Fossilien verboten. Man beobachtet, man fotografiert — man entnimmt nichts. Das ist die Voraussetzung dafür, dass dieses Erbe an Ort und Stelle bleibt, für die Wissenschaft ebenso wie für die Besucher von morgen.

Vor Ort zu entdecken

Der Point Sublime und der Couloir Samson

Der spektakuläre Eingang zum Grand Canyon, dort wo sich der Verdon zwischen die jurassischen Kalkfelswände eingräbt.

Der Mur des Siréniens (Col des Lèques)

In der Nähe von Castellane ein Gestein, das mit Knochen von Seekühen durchsetzt ist — Meeressäugetieren, die 35 bis 40 Millionen Jahre alt sind.

Die Cadières de Brandis

Oberhalb von Castellane ein Dolomitmassiv, das in ruinenartige Türme gegliedert ist und über 1.545 m aufragt.

Die Tufsteinquellen von Saint-Maurin

Am Nordwesteingang der Schluchten bauen Karstquellen Travertine auf — der Stein, der sich selbst wieder aufbaut.

Häufig gestellte Fragen

Wie sind die Gorges du Verdon entstanden?

Der Canyon ist das Ergebnis zweier Bewegungen: zunächst die Auffaltung der Alpen im Tertiär, die die Kalksteine der Provence faltete und zerbrach; anschließend die Eintiefung durch den Fluss Verdon, vor allem während des Quartärs (der letzten zwei Millionen Jahre), als die Gletscherschmelzen seine Wasserführung anschwellen ließen. Die Karsterosion — die Auflösung des Kalksteins durch Wasser — erledigte den Rest. Der Grand Canyon erreicht heute eine Tiefe von bis zu 700 m.

In welchem Gestein ist der Canyon eingegraben?

In einem Kalkstein des Oberjura, entstanden vor etwa 150 Millionen Jahren in einem warmen, flachen Meer: ein Riffkalkstein, von Korallen aufgebaut, vergleichbar mit einem großen tropischen Riff. Im Gebiet der Plans du Verdon erreicht diese Gesteinsplatte eine Mächtigkeit von fast 1.000 Metern. Darüber sind stellenweise weichere Mergel der Kreidezeit erhalten.

Wie alt ist das Gestein der Schluchten?

Das Gestein der großen Felswände — der jurassische Kalkstein — ist etwa 135 bis 160 Millionen Jahre alt. Der Canyon selbst hingegen ist geologisch gesehen sehr jung: Er wurde im Wesentlichen im Quartär, im Verlauf der letzten zwei Millionen Jahre, eingegraben.

Warum ist das Wasser des Verdon grün?

Die Einzelheiten (Fluor, Mikroalgen, Auswirkung der Staudämme) finden sich in unserem eigenen Beitrag „Warum das Wasser des Verdon grün ist“.

Darf man im Verdon Fossilien sammeln?

Nein. Der Verdon gehört zur Réserve naturelle géologique de Haute-Provence und zum Parc naturel régional du Verdon: Fossilien zu sammeln oder zu entnehmen ist dort verboten. Man beobachtet und fotografiert, man entnimmt nichts — nur so bleibt dieses Erbe für alle an Ort und Stelle erhalten.

Was ist die Réserve géologique de Haute-Provence?

Sie wurde 1984 per Dekret gegründet und ist das größte geologische Schutzgebiet Europas: achtzehn eingetragene Stätten (269 Hektar streng geschützt) innerhalb eines weiträumigen Schutzperimeters von rund 2.300 km², der 59 Gemeinden umfasst. Dieses Gebiet ist zudem die Wiege der Geoparks: Der Géoparc de Haute-Provence war der erste weltweit (im Jahr 2000) und trägt seit 2015 das Label UNESCO Global Geopark. Moustiers-Sainte-Marie, an den Toren der Schluchten, gehört dazu.

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